Apotheker und Apothekerin

 

Vom Heilen mit Pflanzen

 

Mit den heilenden Wirkstoffen aus Pflanzen, Tieren und Mineralien beschäftigten sich schon die berühmtesten Ärzte und wissenschaftlichen Autoren des Altertums. Die Bezeichnung Pharmakologie kommt vom griechischen pharmakon für „Heilmittel, Medikament, Gift“.

Hippokrates von Kos (um 460 bis ca. 370 v.Chr.) war der berühmteste Arzt der Antike.[1] Mit seiner Lehre von den vier Körpersäften und seinen Aufzeichnungen über Krankheitssymptome gilt er als Begründer der Medizin als Wissenschaft. Auf ihn beziehen sich spätere wissenschaftliche Autoren der Arzneikunde wie Celsus und Galen.

Aulus Cornelius Celsus (um 25 v.Chr. bis ca. 50 n.Chr.) war einer der wichtigsten römischen Medizinschriftsteller seiner Zeit. In seinem achtbändigen Werk De Medicina sammelte er in zwei Bänden das pharmakologische Wissen seiner Zeit. Pedanios Dioskurides (1. Jahrhundert n.Chr.) war ein griechischer Arzt und Autor. Mit seinem Werk De materia medica über circa 1000 Arzneistoffe gilt er als Wegbereiter der Pharmakologie.

Galenos von Pergamon (2. Jahrhundert n.Chr.), deutsch Galen genannt, war ein griechischer Arzt und Anatom. Seine Werke über Anatomie und Physiologie des Menschen und seine Arzneimittellehre bestimmten Theorie und Praxis der Pharmazie bis ins 16. Jahrhundert. Galenik bezeichnet noch heute die Lehre von der Zusammensetzung und Zubereitung von Arzneimitteln.

Ibn Sina, lateinisiert Avicenna, (um 1000 n.Chr.) war ein persischer Arzt und Naturwissenschaftler. Sein fünfbändiges Werk Qanun (Kanon der Medizin) übersetzte das antike griechisch-römische Medizinwissen ins Arabische und ergänzte es um den wissenschaftlichen Kenntnisstand des islamischen Kulturraumes seiner Zeit. Die Rückübersetzung ins Lateinische im 12. Jahrhundert bereicherte die westliche Medizin jahrhundertelang.

Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) war eine deutsche Äbtissin und Universalgelehrte. Ihre Werke Liber simplicis medicinae und Liber compositae medicinae widmen sich der Natur- und Heilkunde und bringen damalig erhalten gebliebenes antikes Wissen mit der Volksmedizin des Mittelalters zusammen.

Aus der Medizinschule von Salerno, die Teil einer der ältesten Universitäten Europas war, stammt das Werk Circa instans, eine um 1150 entstandene Arzneidrogenkunde, benannt nach ihren Anfangsworten. Sie war ein Vorläufer der Kräuterbücher des 15. und 16. Jahrhunderts.

 

Von Kräuterweiblein und Quaksalbern

 

„Mir fällt ein Apotheker ein; er wohnt hier
Ganz nah; ich sah ihn jüngst, gehüllt in Lumpen,
Die Brauen überhängend, Kräuter suchen;
Armselig war sein Anblick…“

So beschreibt William Shakespeares Romeo im Drama „Romeo und Julia“,[2] entstanden um 1500, den Apotheker, den er aufsucht, um mit dessen Gift Julia in den Liebestod zu folgen. Von toten Schildkröten, Krokodilen, missgeformten Fischen, muffigem Samen und altem Rosenkuchen ist weiterhin die Rede. So kann man sich die medizinischen Berufe des Mittelalters, die Medizinkrämer und Kräuterweiblein, Quaksalber, Chirurgen und Bader vorstellen. Ihr Ruf war nicht immer der beste. Sie waren meist fahrende Gewerbetreibende und zogen von Ort zu Ort.

 

Apotheker wird ein Beruf

 

Das änderte sich mit der Medizinalordnung des Stauferkaisers Friedrich II. (1194-1250) von 1241. In ihr wurde erstmalig die Trennung der Tätigkeit von Arzt und Apotheker vorgeschrieben. Der eigenständige Beruf des Apothekers entsteht. Die Ordnung legte auch Standards fest wie die Beaufsichtigung der Arzneibereitung durch vereidigte Medizinalbeamte, Ablegung eines Apotheker-Eids, örtliche Niederlassungsbeschränkungen (Privilegien) und behördliche Fixpreise der Arzneien (Taxen).

Als Folge wurden auch in Städten mehr und mehr Apothekenordnungen erlassen, wie zum Beispiel 1437 und 1442 in Nürnberg. Nach den Ausbrüchen der Schwarzen Pest im 14. und 15 Jahrhundert wurde das Gesundheitssystem weiter verbessert. Die Folge waren weitere Apothekengründungen.

Die fahrenden Gewürz- und Arzneimittelhändler wurden nun sesshaft. Die Berufsbezeichnung apothecarius bürgerte sich ein, abgeleitet vom lateinischen apotheca, das in mittelalterlichen Klöstern die Bezeichnung für die Kräuterkammer war. In der Antike war der Begriff ursprünglich weiter gefasst und bezeichnete einen Lagerraum oder auch ein Behältnis für Waren aller Art wie auch Wein oder Bücher. Der Apotheker war nun nicht mehr nur Händler von Heilpflanzen und Gewürzen, sondern stellte in seiner officina, seiner Werkstatt, auch selbst Heilmittel her.

Die privaten Apotheken wurden meist in größeren Orten wie Märkten, Residenz- und Domstädten gegründet. Manchen Apothekern gelang der Aufstieg zum Patrizier. Historische Apotheken wie die Löwen-Apotheke am Hauptplatz in Trier (1241), die bei Parfum-Fans berühmte Apotheke Santa Maria Novella in Florenz (1221), hervorgegangen aus dem örtlichen Dominikaner-Kloster und die Klosterapotheke der Franziskaner in der Altstadt von Dubrovnik (1317) sind mit die ältesten in Europa und beeindrucken noch heute mit ihren prachtvollen Ausstattungen.

Technische Neuerungen wie genormte Waagen und Gewichte, Verbesserungen bei den Destillieranlagen und Tinkturpressen und vieles mehr begleiteten die Ausbreitung des Apothekerhandwerks.

 

Klosterapotheken und Armenpflege

 

Auf dem Land waren die Apotheken Teil der Klöster. Für Altbayern ist die Geschichte der Klosterapotheken seit dem Jahr 800 dokumentiert.[3] In den Klöstern wurden Kräutergärten angelegt, Rezepturen aufgeschrieben sowie Kräuterbücher und Abschriften von wissenschaftlichen Werken aufbewahrt. Die Orden waren in der Armenpflege tätig und versorgten die Landbevölkerung mit Arzneien bis zur Auflösung der Klöster im Zuge der Säkularisierung 1803.

In der Herstellung von Arzneimitteln waren schon früh Frauen beteiligt. Im Kloster Altenhohenau bei Wasserburg am Inn ist die Priorin M. Theresia Sasserin als Apothekerin dokumentiert, die um 1693 die Klosterapotheke aufbaute und einrichtete. Als sie 1697 starb, folgten ihr in den nächsten Jahrzehnten neun examinierte und approbierte Nonnen als Apothekerinnen nach. Als das Kloster 1803 aufgrund der Säkularisation aufgelöst und die Apothekengerechtigkeit und das Inventar versteigert wurden, bekam der Markt Dachau seine erste Apotheke.[4]

 

Wissenschaftliche Entdeckungen und Industrialisierung der Pharmazeutik[5]

 

Berühmte Namen markieren wichtige Stationen der naturwissenschaftlichen Entwicklungen der Neuzeit: Theophrast von Hohenheim (um 1493-1541), genannt Paracelsius, war ein Reformator der Medizin seiner Zeit. Er gilt er als Vater der chemischen Arzneimittel. Johann Glauber (1604-1668) mit seinen Kenntnissen über Salz (Glaubersalz); Carl Wilhelm Scheele (1742-1786), der die Elemente Fluor, Sauerstoff, Chlor, Mangan, Barium, Molybdän und Wolfram entdeckte; Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, um nur einige zu nennen.

Im 19. Jahrhundert folgte dann auch in der Pharmazie die Industrialisierung. Berühmte Firmen wie Merck (hervorgegangen aus einer Darmstädter Apothekengründung 1668), Pfizer/USA (1849), der Vorläufer der Bayer AG von Carl Leverkus (1863), nach dem eine ganze Stadt benannt wurde, Hoffmann-La Roche/Schweiz (1896) und andere entstanden.

 

Vom Handwerk zum akademischen Beruf

 

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Beruf des Apothekers akademisch. Gab es schon im 18. Jahrhundert pharmazeutische Ausbildungsinstitute, so wurde mit den Bayerischen Apothekenordnungen von 1837 und 1842 die Ausbildung neben praktischer Lehr- und Servierzeit mehr und mehr akademisiert. Ab 1875 war in den deutschen Landen einheitlich ein Pharmaziestudium vorgeschrieben. Heute sind Pharmazie und Medizin die Studienfächer mit den höchsten Zulassungsbeschränkungen (Numerus Clausus). Chemie, Mathematik, Physik und Biologie sind Teile der Ausbildung. Pharmazeuten können nach dem zweiten Staatsexamen, dem Praktischen Jahr und der Approbation selbständig den Beruf des Apothekers ausüben. Weitere Berufsmöglichkeiten sind die Krankenhausapotheke, die Pharmaforschung und die Arbeit in der Arzneimittelbehörde (Arzneimittelzulassung).

 

Die erste Apotheke in Dachau

 

Vom Kloster Altenhohenau am Inn südlich von Wasserburg und seinen tüchtigen Apothekerinnen haben wir schon gehört. Als im Zuge der Säkularisation 1803 das Kloster aufgelöst und das Apothekeninventar versteigert wurde, kaufte der Apotheker Thaddäus Stratthaus die Apothekenkonzession mit den „gehörigen Requisiten und Materialien“ für 600 Gulden und verlegte sie mit kurfürstlicher Erlaubnis nach Dachau. Bis dahin hatten die Dachauer ihre Arzneien von der Klosterapotheke Indersdorf bezogen. Strattmann ließ sich in der heutigen Apothekergasse nieder und wurde Dachaus erster Apotheker.

Als er nur drei Jahre später 53jährig starb, kam die Apotheke 1806 in neue Hände. Bis 1872 wurde sie insgesamt weitere acht Male verkauft. Mangelnde Umsätze, feuchte Lagerräume und Probleme mit der Aufsichtsbehörde waren die Gründe.

 

Die Familie Höfler-Lernbecher – Apotheker in Dachau in fünfter Generation

 

Erst mit dem elften Besitzer, Dr. Constantin Höfler aus Tölz, hatte der ständige Besitzerwechsel ein Ende. Er, 27 Jahre alt, Sohn des königlichen Medizinalrates Hofrat Dr. Gustav Höfler (Begründer des Tölzer Jodbades), war erfolgreicher und blieb. 37 Jahre führte er die Apotheke, war Magistratsrat (die Wahl zum Bürgermeister 1888 lehnte er ab) und Ehrenbürger des Marktes Dachau. Besondere Verdienste erwarb er sich auch mit seinem Einsatz für die erste Sparkassengründung in Dachau 1881, deren Kassierer er lange Zeit blieb.[6]

Als Höfler 1909 die Apotheke an seinen Sohn Max übergab, war das Haus gut bestellt. Mit Eigenherstellungen blieb die Familie erfolgreich. Hustensäfte, Tees und Salben verkauften sich gut. Und auch die Tiermedizin war wichtig. Im Manuale, dem Rezepturbuch von Max Höfler, finden sich Rezepturen für Hufsalben, Koliktropfen, Durchfalltropfen für Kälber und Hustenmittel für Rinder und Pferde. Die Damen kauften Schönheitsmittel wie „Haarfärbemittel blond“, indisches Haarbalsam, Haar-Spiritus oder „Haarkur nach Lassar“ und Schrundensalbe.

1917 erwarb Max Höfler in der alten Freisinger Straße das Haus des damaligen Bürgermeisters und Baumeisters Christian Hergl (heute Konrad-Adenauer-Straße 16). Die Apotheke zog um. Nach dem Tod Max Höflers 1940 übernahm sein Schwiegersohn August Lernbecher das Geschäft. Nach der Stadterhebung 1933 hatte Dachau eine zweite Apotheke in der unteren Stadt bekommen, die Untere-Stadt-Apotheke. Lernbecher firmierte nun als Obere Apotheke und zog 1951 in das benachbarte Martin-Huber-Haus. Mit der Niederlassungsfreiheit für Apotheken ab 1958 entstanden viele neue Apotheken am Ort. Die Obere Apotheke blieb in Familienbesitz. Ab 1971 übernahm Sohn Max-Peter Lernbecher mit Frau Ulrike, ebenfalls Apothekerin, das Geschäft. Deren Sohn Maximilian Lernbecher führt heute die Apotheke in der fünften Generation.

 

„Hustensaft hab ich am liebsten gemacht“ – Ein Besuch beim Seniorpaar Lernbecher[7]

 

Wären sie bei Robert Lembkes heiterem Beruferaten „Was bin ich“ aus den TV-Jahren der 1970er und sollten eine typische Handbewegung machen, wäre es bei Apothekerin Ulrike Lernbecher das Salbenrühren („immer links rum“), das Tee-Mischen mit beiden Händen, das Mörsern von Kümmel, Fenchel, Wacholder oder Chemikalien, die pulverisiert werden sollen oder das Tropfenschütteln. Und schon kann man als Besucherin die Faszination spüren, die der Beruf noch heute auf die Dachauer Apothekerfamilie Lernbecher ausstrahlt. Auch wenn im vorderen Verkaufsraum, genannt Offizin, wie allerorten die Packungen der großen Pharmafirmen die Regale dominieren, so kommt, je weiter man durch die Räume geht, der handwerkliche Charakter des Berufes, gepaart mit einem komplexen medizinisch-pharmakologischen Wissen zum Vorschein.

Der nächste Arbeitsbereich ist die Rezeptur, wo individuelle Rezepturen in kleinen Mengen nach Arzt-Rezept hergestellt werden. Wie es denn mit der Lesbarkeit der Handschrift der Ärzte gewesen sei, bevor der Computerausdruck und das elektronische Rezept kamen? „Ja, Schriften lesen zu können war für den Apotheker immer ein Muss“, sagt Max-Peter Lernbecher lächelnd.

Im Labor wurden und werden Eigenspezialitäten in größerer Menge hergestellt wie Hustensäfte, Schrundensalbe, Lippenpflege oder Tropfen für Herz, Leber und Galle. Die Grundzutaten werden eine Etage tiefer aufbewahrt. Zum Apothekergeschäft gehören ferner das Nachtdienstzimmer, der Tresor für Betäubungsmittel und Opiate und der Giftschrank.

Der Name mancher Eigenprodukte beginnt mit den Vorsilben Leda für Lernbecher Dachau. Alte Dachauer mögen sich noch an die Zwiebelzeltchen des August Lernbechers erinnern, kleine viereckige Lutschbonbons gegen Husten. Die hatten es auch dem kleinen Max-Peter in der 1940ern angetan. Und heute als Senior? „Hustensaft hab ich immer am liebsten gemacht“, sagt er. Das war auch sein Vorhaben für den nächsten Tag.

 

Zukunftsaussichten

 

Im 21. Jahrhundert sieht sich der Beruf des Apothekers vor neue Herausforderungen gestellt. Heute machen ihm Online-Shops und Filial-Ketten Konkurrenz. Doch diese können die fachliche Beratung und die gewachsenen Kundenbeziehungen am Ort nicht ersetzen.

 

Die Kloster-Apotheke in Indersdorf

 

Auch das Augustiner Chorherrenstift in Indersdorf besaß über Jahrhunderte eine eigene Klosterapotheke zur Versorgung der Chorherren, des Klosterpersonals und der Landbevölkerung.[8] Die Arzneimittel hatten oft keine festen Preise, sondern richteten sich gemäß dem caritativen Auftrag des Ordens zur Armenpflege und Fürsorge nach den finanziellen Möglichkeiten des Kranken.

Zur Herstellung der Arzneien besaßen die Klosterapotheker zahlreiche Arzneimittelbücher. Die Lateinschriften, darunter auch Handschriften aus dem 15. Jahrhundert, werden heute im Archiv der Bayerischen Staatsbibliothek in München aufbewahrt. Daneben wurde auch Medizin in Apotheken in München und Augsburg geordert. Die Inventarverzeichnisse beim Antritt neuer Pröbste weisen dabei immer wieder Schulden bei den Stadtapotheken auf. 1783, bereits 20 Jahre vor der Säkularisation, wurde das Stift aufgehoben.

Otto Hauer, Apotheker in Straubing und Großvater der heutigen Apothekerin Isabel Ermann,[9] erwarb das Realrecht an der Indersdorfer Kloster-Apotheke samt Inventar im Jahr 1916. Beim Einwickeln einer Arzneiflasche in Zeitungspapier las er zufällig von der staatlichen Ausschreibung und bewarb sich erfolgreich. Die Klosterapotheke, damals noch am Kloster ansässig, wo heute die Turnhalle der Realschule Vinzenz von Paul steht, war baulich in schlechtem Zustand, auch was das Geschäft betraf. Als „alte, feuchte Bude, wo die Mäuse in den Schubladen tanzten“, so die überlieferte Erinnerung in der Apothekerfamilie Hauer/Ermann, hatte der Vorgänger das Geschäft aufgeben müssen. Die Nachfolger, Otto Hauer und Sohn Kurt Hauer arbeiteten solider und erfolgreicher. Mit Eigenprodukten wie Hausmitteln gegen Gicht und Rheuma und Hustensaft erwarb sich die Kloster-Apotheke bei der Landbevölkerung einen guten Ruf und ein solides Einkommen. 1934 konnte die Apothekerfamilie umziehen an die Dachauer Straße im Markt Indersdorf. Der Name der Kloster-Apotheke blieb.

 

Die St. Alto-Birgitten-Apotheke in Altomünster

 

Die erste Apotheke in Altomünster wurde 1843 gegründet, vierzig Jahre, nachdem die frühere Klosterapotheke im Zuge der Säkularisation 1803 aufgelöst worden war. Dazwischen waren die Bewohner des Marktes von den Apotheken in Indersdorf und Aichach versorgt worden. Nun stellte der Aichacher Apotheker Karl Gundlfinger den Antrag, in Altomünster eine Filialapotheke einrichten zu dürfen. Seinen Sohn Karl Gundlfinger junior, ebenfalls approbierter Apotheker, setzte er als Provisor ein. Dieser beantragte 1844 eine eigene Konzession, um die Apotheke selbständig führen zu können, was er 1849, nach jahrelangem Hin und her, endlich konnte. Wer die wechselreiche Geschichte der Apotheke in den folgenden 90 Jahren nachlesen möchte, dem sei die Recherche von Ingeborg Rüffelmacher in der Kulturgeschichte des Dachauer Landes (Band 5) empfohlen.[10] Krankheiten wie die im 19. Jahrhundert weit verbreitete Lungentuberkulose beendeten auch im Markt das Leben oft früh.

Der Apothekername Schultes ist den Bewohnern Altomünsters auch heute vertraut. Dr. Stephan Schultes führt die St. Alto-Birgitten Apotheke nunmehr in der dritten Generation.[11] Sein Großvater Hanns Schultes aus Wörth an der Donau erwarb die Konzession 1939 und zog mit dem Betrieb 1940 in das Gebäude des ehemaligen Postamtes (heute Pipinsrieder Straße 19). Seiner Apotheke gab er den Namen „St. Alto-Apotheke“.

Drei seiner vier Söhne wurden ebenfalls Apotheker. Der jüngste Sohn, Peter, eröffnete 1977 die Birgitten-Apotheke in der Bahnhofstraße 8. Als Vater Hanns 1981 in den Ruhestand ging, schloss die St. Alto-Apotheke und Peter Schultes änderte seinen Betriebsnamen um in „St. Alto-Birgitten-Apotheke“.

Auch an den Produkten der Apotheke Altomünster kann man den großen Umbruch in diesem Beruf ablesen. In den Anfangsjahren des Hanns Schultes wurden noch rund 80 Prozent der Arzneien selbst hergestellt. Gesammelte und selbst angebaute Heilkräuter brachten die Apothekerfamilie auch durch die Nachkriegszeit. Bei der Geschäftsübergabe 1981 betrug der Umsatzanteil der Eigenproduktionen nur noch vier Prozent. Einige Spezialitäten haben aber überlebt und werden heute mit modernem Verpackungsdesign auch im Online-Handel vertrieben. Die Marke Apomanum hat Senior Peter Schultes 2008 mit Geschäftspartnern gegründet. Sie bietet neben Naturkosmetik und Trendprodukten wie Yoga-Meditations-Düften auch Spezialitäten mit Geschichte an. Da gibt es unter anderem „Madame Hohenesters Abdeckcreme“ gegen Pickel nach einer über 100jährigen Rezeptur der Bad Mariabrunner „Doktorbäuerin“ oder ein „Coffein Haar-Wasser“ für wallendes Haar, entwickelt 1910 für eine Offiziers-Gattin. Und wer sich von Küchengerüchen mit der Arabica-Kaffee-Seife befreit hat, könnte sich mit dem “Byzantinischen Bio-Rosenwasser“ in die Zeit des persischen Arztes und Philosophen Avicenna zurückträumen. Womit wir wieder an den Anfängen der Geschichte wären.

 

 



[1] Zur Geschichte der Medizin vgl.: Burhop, Carsten; Kißener, Michael; Schäfer, Hermann; Scholtyseck, Joachim: Merck 1668-2018. Von der Apotheke zum Weltkonzern. München: C.H.Beck 2018

[2] Shakespeare, William: Romeo und Julia. Insel Verlag 1981

[3] Schnabel, Rainer: Pharmazie in Wissenschaft und Praxis. Dargestellt an der Geschichte der Kloster-Apotheken Altbayerns vom Jahre 800 bis 1800. Heinz Moos Verlag München 1965

[4] Zur Geschichte der Oberen Apotheke vgl.: Lernbecher, Max-Peter: Die erste Apotheke in Dachau/Chronik der Oberen Apotheke. Druckerei und Verlagsanstalt „Bayerland“ 1995

[5] Vgl.: Haars, Maximilian: Die allgemeinen Wirkungspotenziale der einfachen Arzneimittel bei Galen. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2018

[6] Göttler, Norbert: Im Anbruch der Moderne: 1818-1914. In: Hanke, Gerhard; Liebhart, Wilhelm; Göttler, Nobert; Richardi, Hans-Günter: Geschichte des Marktes und der Stadt Dachau. (Kulturgeschichte des Dachauer Landes, Bd. 3). Museumsverein Dachau 2000, S. 99-137, hier S. 121

[7] Interview mit Max-Peter Lernbecher und Ulrike Lernbecher am 2.7.2021. Eine große Hilfe bei der Erstellung dieses Textes über den Beruf des Apothekers war die Chronik der Oberen Apotheke von Max-Peter Lernbecher, von dem auch das Bildmaterial zum Text stammt. Ihm und seiner Frau Ulrike Lernbecher sei an dieser Stelle auch herzlich gedankt für die persönlichen Einblicke in das Apothekerleben und die Privatführung durch die Obere Apotheke in Dachau.

[8] Kornprobst, Hans: Das Augustiner Chorherrenstift Indersdorf. Festschrift zum 900jährigen Gründungsjubiläum. Markt Indersdorf 2020, S. 122

[9] Interview mit Apothekerin Isabel Ermann aus Indersdorf am 1.9.2021. Für ihre Informationen zur Familiengeschichte der Kloster-Apotheke ein herzlicher Dank.

[10] Rüffelmacher, Ingeborg: Ehrsames Handwerk. (Kulturgeschichte des Dachauer Landes, Bd. 5). Dachau 1992

[11] Interview mit Apotheker Dr. Stephan Schultes der St. Alto-Birgitten-Apotheke in Altomünster am 2.9.2021 und mit Peter Schultes am 7.9.2021. Auch an beide ein herzlicher Dank für die Informationen.


Thema: Arbeitswelten - Geschichte(n) über Handwerk und Gewerbe
Autor: Pia Klimt
Quelle: Name nicht genannt
Ort: Stadt Dachau

Bilder


Warning: getimagesize(/www/htdocs/w00f30e0/wwwroot/geschichtswerkstatt-dachau.de/files/fotos/thumbs/Die_Obere_Apotheke_an_der_Freisinger_Strae_Bildnachweim_Max-Peter_Lernbecher-20260909.jpg): failed to open stream: No such file or directory in /www/htdocs/w00f30e0/wwwroot/geschichtswerkstatt-dachau.de/includes/artikel/artikeldetail_bilder.html.php on line 7

Warning: Division by zero in /www/htdocs/w00f30e0/wwwroot/geschichtswerkstatt-dachau.de/includes/artikel/artikeldetail_bilder.html.php on line 8

Warning: getimagesize(/www/htdocs/w00f30e0/wwwroot/geschichtswerkstatt-dachau.de/files/fotos/thumbs/Die_Obere_Apotheke_war_die_erste_Apotheke_in_Dachau_in_der_Apothekergasse_Bildnachweim_Max-Peter_Lernbecher-20260909.jpg): failed to open stream: No such file or directory in /www/htdocs/w00f30e0/wwwroot/geschichtswerkstatt-dachau.de/includes/artikel/artikeldetail_bilder.html.php on line 7

Warning: Division by zero in /www/htdocs/w00f30e0/wwwroot/geschichtswerkstatt-dachau.de/includes/artikel/artikeldetail_bilder.html.php on line 8